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Kategorie: Buch

Architekturführer Berlin-Mitte

 

20 Jahre Fall der Mauer, 20 Jahre Wiedervereinigung - die Deutschen kommen aus dem Feiern nicht mehr raus. Dabei kommt der Jubel selten von Herzen, sondern meist von ministerialen Protokollchefs. Aber vielleicht muss man die unterkühlten Deutschen zu ihrer Freude zwingen. Die Bewohner Berlins, des logischen Zentrums der Feierlichkeiten, machten brav mit, selbst bei eiskaltem Novemberregen und einem peinlichen "Mauer-Wetten-Dass" am Brandenburger Tor. Und anders als der Wahl-Kalifornier mit der blonden Dauerwelle weiß das Berliner Publikum, wie sich "Wiedervereinigung" anfühlt. Nirgendwo sonst hat sich in den vergangenen 20 Jahren so viel geändert - mental, kulturell und nicht zuletzt baulich. Der glitzernde Potsdamer Platz ist sprichwörtlich für die Umgestaltung der Stadt.

Doch auch fernab von Sony-Center, Alexanderplatz und Hauptbahnhof ist architektonisch viel passiert. Im Verborgenen wurden Wohnhäuser liebevoll renoviert, behutsam erweitert. Doch auch manches Schätzchen wurde in den Wende-Wirren abgerissen und durch müde Alltagsbauten ersetzt. Dorothee Dubrau, streitbare Ex-Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung in Berlin-Mitte, rückt den Fokus mit zwei originellen Buchbänden nun auf eben jene Projekte fernab der Touristenpfade. "Architekturführer Berlin-Mitte" lautet der schlichte Titel der Bücher, die nun bei DOM publishers erschienen sind. Was Dubraus Werk von den vielen anderen Architektur-Büchern unterscheidet, ist die unglaubliche Datendichte. Auf knapp über 1000 Seiten stellt die Autorin nicht weniger als 1078 Objekte vor - von den großen Prestige-Bauten bis hin zum kleinen Hinterhof. Dabei definiert sie "Mitte" tatsächlich als Bezirk - mitsamt Wedding, Gesundbrunnen und Moabit. Dies mag mit der Beteiligung des Bezirksamtes Mitte zu tun haben, die Frau Dubrau mit Foto- und Kartenmaterial versorgten. Dennoch wird dem Ortsteil Mitte natürlich die größte Aufmerksamkeit zuteil - insbesondere der Spandauer Vorstadt, die allein knapp 150 Seiten belegt.

Soviel Platz will gefüllt werden. Dorothee Dubrau konnte (ein echter Mehrwert) Gastautoren gewinnen, die vom Thema Stadt etwas verstehen. Etwa Prof. Dr. Harald Bodenschatz, der bereits ausführlich zum Thema Architektursoziologie forschte - oder der ehemalige Stadtbaurat Horst Porath, der in seinem Amt fast leidenschaftlich gegen den Berliner Wohnungsleerstand ankämpfte. Wie die Autorin selbst verleugnen auch sie nicht ihre politische Richtung. So lässt auch Dubrau den Leser stets wissen, von welchen Projekten sie nichts hält.

Der Architekturführer ist neben einer beachtlichen Text- und Fotosammlung auch ein gutes Beispiel gelungener Strukturierung. Vorne und hinten im Buch sind, jederzeit gut erreichbar, eine Übersichtskarte und ein BVG-Plan enthalten. Jedes Kapitel beginnt mit einem ausführlichen Einleitungstext, gefolgt von einer Detailkarte, auf der man jedes vorgestellte Objekt schnell ausfindig machen kann. Jedem Eintrag sind Adresse, Architekt, Baujahr sowie Sanierungsfirma, -datum und Bauherr vorangestellt. In interessanten Exkursen oder Sonderkapiteln wie "Botschaften in Berlin" bleibt fast keine Frage unbeantwortet.

Fazit: Hut ab, Frau Dubrau, für die Bärenarbeit. Hut ab, Verlag, für die wunderschöne Gestaltung.

Hans Strömsdörfer

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