Menü

Kategorie: Buch

"Das Buch für Berlin-Hasser" und "Ich werde ein Berliner"

 

Berlin ist eine der hippsten Städte der Welt. Hauptstadt des Techno, der ironischen Lebensart, der Jugend, "das, was New York in den Siebzigern war", ... die Liste der Lobpreisungen lässt sich unendlich fortsetzen. Doch im Jahr 20 nach der Wiedervereinigung Spreeathens scheint es Zeit geworden zu sein für ein bisschen "Schmutz". Gleich zwei Bücher, die im Abstand weniger Wochen erschienen sind, haben sich auf die Fahnen geschrieben, das Paradies Berlin durch den Kakao, bzw. die eigenen Hundehaufen zu ziehen. "Das Buch für Berlin-Hasser. Fast eine Liebeserklärung" und "Ich werde ein Berliner. How to be a really hip German" graben in den Lebenslügen der coolen Hauptstädter und entblößen den angestrengt "alternativen" Lebensstil der In-Viertel.

Dass Satire in Deutschland stets ein "Achtung, Satire!"-Schild tragen muss, beweist leider auch das gelungene "Buch für Berlin-Hasser" aus dem bebra-Verlag. Nach über 200 ätzend-amüsanten Seiten wird klargestellt: "Der Autor dieser Zeilen hasst Berlin überhaupt nicht, ganz im Gegenteil." Ein ziemlich schwacher Ausstieg aus einem ansonsten sehr starken Buch. Falko Rademacher legt den Finger zielsicher in jede Wunde, die sich an Spree, Panke und Havel bieten: Öffentlicher Personennahverkehr, die Links-Partei, chronische Geldprobleme und Hundehaufen. Vor allem für letztere entwickelt der Autor eine fast manische Versessenheit. Dass er sich in der Stadt auskennt, beweist unter anderem ein detaillierter Verriss der Berliner Medienlandschaft, dem nichts mehr hinzuzufügen ist ("Neues Deutschland wird ausschließlich von Ostdeutschen im Schlaganfall-Alter gelesen"). Wie es sich für einen guten Satiriker gehört, ätzt Rademacher nicht nur gegen eine Seite, sondern verteilt seinen Dreckkübel gerecht auf Prenzlberger, Neonazis in Lichtenberg, CDU-Häuslebauer in Reinickendorf und das Mitte-Pack. Überhaupt sind die Kapitel über die einzelnen Berliner Bezirke ohne weiteres als Wegweiser für Neuberliner geeignet. Die Kampagne gegen die Eröffnung einer Kreuzberger McDonald's-Filiale zerpflückt Rademacher genüsslich: bei Straßen, auf denen sich "Hundehaufen auf anderen Hundehaufen stapeln" sei die Sorge um Verschmutzung durch Hamburger-Papier schon witzig. Tragisch eher der Ortsteil Mitte, wo alle "die richtigen Berufe, die richtige Meinung, den richtigen Geschmack, das richtige Alter haben".

Während Falko Rademacher ein beeindruckend vollständiges Panorama Berlins liefert (inklusive Psychogramm des Union-Berlin-Fans), konzentriert sich der Autor von "Ich werde ein Berliner" auf das anstrengende Leben hipper deutscher Großstädter. Dieser entlarvt die umständlichen Maskeraden seiner Clique derart schonungslos und präzise, dass er es vorzieht, anonym zu bleiben. Die Texte stammen aus seinem gleichnamigen Internet-Blog und wurden für den Goldmann-Verlag übersetzt. Zwei Dinge muss der Leser wissen. Zum einen wurden die Kapitel leider alphabetisch (!) geordnet, so dass die wirklich guten Texte erst nach etwa 40 Seiten kommen. Zum anderen muss man verstehen, dass der englischsprachige Autor ausschließlich "hippe Deutsche" aus Berlin, Hamburg oder Köln zu kennen scheint. Allgemeine Aussagen über "die Deutschen" sind daher nicht nur unfair, sondern treffen bei 90 Prozent der Teutonen schlicht nicht zu.

Ansonsten zeigt sich bei "Ich werde ein Berliner" wieder einmal, dass ein Blick von außen sehr heilsam sein kann: Selten wurde die engstirnige Welt Bionade trinkender "Elitedeutscher" (Bezeichnung des Autors) präziser definiert, seziert und persifliert als hier. So wundert sich "Wash Echte", dass ein Kinofilm nur dann akzeptabel ist, wenn er auf einer zwei Meter breiten Leinwand mit Hilfe einer Mono-Tonanlage gezeigt und auf roten 60er-Jahre-Plüschsesseln durchsessen wird. Oder dass Fahrradfahrer eine "eingebaute moralische Überlegenheit" gegenüber "protofaschistischen Autofahrern" haben, die sie gegen Verkehrsregeln immun macht. Oder warum "Elitedeutsche" Vegetarismus und Veganismus schon lange hinter sich gelassen haben, um "korrektere" Ernährungsweisen auszuprobieren ("Ich esse kein Gemüse, das mit 'K' oder 'S' anfängt").

"Ich werde ein Berliner" ist nichts für Zartbesaitete. Die Grenzen zwischen "denen" (also den lächerlichen Hipsters) und "uns" (dem Leser) ist oft schmerzhaft weich und regt zur Selbstreflektion an. Denn es wird deutlich: Zwischen konservativen CSU-Milieus auf dem Land und den strengen Dress-, Gesinnungs- oder Party-Codes eines Prenzlauer Bergs gibt es erschreckend wenig Unterschiede. Irgendwie auch eine beruhigende Erkenntnis!

Hans Strömsdörfer

Bei amazon.de bestellen