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Kategorie: Buch

Das medizinische Berlin

 

Berlin ist eine arme Stadt - keine Industrie, wenig Einnahmen, dafür hohe Kosten. Umso öfter wird das Loblied auf die "Medizinstadt Berlin" gesungen, ist doch die Pharma- und Medizinwirtschaft eine der wenigen Euro-Säulen, mit der die Fundamente der Stadt gestützt werden. Im Charité-Jahr 2010, in dem das legendäre Krankenhaus seinen 300. Geburtstag feiert, ist dies nicht anders. Pünktlich dazu ist ein Stadtführer zur Berliner Medizin-Geschichte erschienen: "Das medizinische Berlin" von Eva Brinkschulte und Thomas Knuth.

Das Buch aus dem be.bra-Verlag lädt den Leser ein, die Spuren einer großen medizinischen Vergangenheit zu erkunden. Einer Erfolgsgeschichte, die man heute nur noch ahnen kann - denn die Vertreibung jüdischer Wissenschaftler, der Krieg und die Spaltung der Stadt haben dafür gesorgt, dass von dem medizinischen Mythos Berlin heute kaum noch etwas übrig ist. Sauerbruch, Koch, Virchow, Graefe, Bier - alles Namen, die vor dem Krieg Patienten und Ärzte aus der ganzen Welt an die Spree lockten. Das Buch erinnert an diese Zeit, indem es acht Streifzüge anbietet, etwa zum alten Charité-Campus in Berlin-Mitte, zum pompösen Virchow-Klinikum im Wedding, zum Urban-Krankenhaus oder dem edlen Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus. Hilfreiche Übersichtskarten ermöglichen auch Nicht-Berlinern eine schnelle Orientierung. Viele Infokästen verweisen auch auf versteckte Orte, etwa die anatomische Sammlung der Charité.

Doch das Buch, das vom Pharma-Riesen "Pfizer" unterstützt wurde, hat auch einige Schwächen. So beginnt ausgerechnet der erste Spaziergang des Buches mit den Worten "Gleich schräg gegenüber (...)" - was die meisten Leser recht hilflos zurücklassen wird. Der eigentliche Textanfang findet sich erst am Ende der Seite in einem Infokasten. Auch Begriffe wie "Asepsis" oder "Antisepsis" werden dem Leser ohne weitere Erklärung aufgetischt - erst einige Kapitel später gibt es eine genauere Erklärung. Am Ende des Buches erfährt der Leser in einem faszinierenden Artikel, wie die Charité schon heute Menschen auf einen längeren Aufenthalt im All vorbereiten kann. Was dieser Artikel mit dem Rest des Buches zu tun hat, erschließt sich jedoch nicht.

All diese Phänomene lassen sich mit der Enstehung des Titels erklären: Die Kapitel sind das "Destillat" eines Doktoranden-Projekts des Berliner Instituts für Geschichte der Medizin. Aus diesem "Bauchladen" hat die Seminarleiterin ein Buch zusammengestellt, das trotz aller Schnitzer sehr gelungen ist und eine Lücke in der Berlin-Literatur ausfüllt. Einen Vorwurf muss man den Autoren jedoch machen: In einem Buch über die Berliner Krankenhaus-Landschaft dürfen die Heilanstalten in Berlin-Buch, die zu DDR-Zeiten mit über 5000 Betten als "größtes Krankenhaus Eurasiens" galten, nicht fehlen. Eine zweite Auflage sollte dieses Manko beheben.

Hans Strömsdörfer

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