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Kategorie: Buch

Die Berliner Currywurst

 

Manchmal liegt eine Idee einfach in der Luft. So erschien bereits im Juli 2009 "Currywurst - alles, was man wissen muss", gefolgt von "Alles über die Currywurst" im April 2010 , im August 2010 dann der "Currywurst-Führer" - und jetzt veröffentlicht Autorin Petra Boden ihr Buch "Die Berliner Currywurst" im bebra-Verlag. Warum letzteres gerade jetzt erscheinen muss, erläutert Verleger Ulrich Hopp im bei der Buchpräsentation im plüschigen Restaurant Tucher: "Das erst Buch unseres Verlags war 1995 ein Buch über die Currywurst. Wir dachten, alle 15 Jahre kann man sowas machen." Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage sei dahingestellt. Fakt ist, dass Petra Bodens Buch die Kategorie "originelles Geschenkbuch" meisterhaft sprengt.

"Die Berliner Currywurst" erschöpft sich nicht in Anekdoten aus der Quelle Wikipedia, sondern bietet eine gut recherchierte Arbeit über das Thema, die zudem noch unterhaltsam geschrieben ist. Kein Wunder, widmet sich die promovierte Literaturwissenschaftlerin Boden doch sonst eher dickeren Brettern (z. B. "Modernisierung ohne Moderne. Das Zentralinstitut für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR 1969-1991").

Geschickt übt sich die Autorin in der Kunst des Weglassens: Den Kern des Taschenbuchs bilden vier populäre Currywurst-Buden der Stadt - "Krasselt's" in Steglitz, "Curry 36" in Kreuzberg, "Bier's Kudamm 195" in Charlottenburg und "Konnopke's Imbiß" in Prenzlauer Berg. Mit exaktem Blick beschreibt sie Alltag und Atmosphäre des oft harten Buden-Geschäfts und rekonstruiert die Entstehung der Geschäfte. Geschichten über Familiendynastien, deren Schicksale ganze Vorabendserien füllen könnten, entspinnen sich aus den Erzählungen der Buden-Besitzer - und versetzen Autorin und Leser in Erstaunen.

Doch bei aller "Folklore" behält Petra Boden stets den Fokus des Buches im Blick. So erfährt man, dass Harald Köhring von "Krasselt's" die Würzmischung für seine Soße stets heimlich zu Hause anrührt. Bei "Curry 36" hingegen macht mein kein Geheimnis aus den Zutaten und lässt sie heute von einer Firma extern herstellen. Die Touri-Bude "Konnopke's" hat wiederum ganz andere Sorgen: Waltraud Ziervogels Kämpfe mit dem Bezirk, dem Tiefbauamt, der U-Bahn und dem Denkmalschutz sind ebenso faszinierend wie erschreckend. Denn ihre prominente Lage unter dem Bahn-Aquädukt der Schönhauser Allee führte in der Vergangenheit wiederholt zu Problemen. Genüsslich seziert die Autorin auch die skurrilen Bemühungen der Berliner Fleischer-Innung, die "Berliner Currywurst" zu einer EU-weit "geschützten geografischen Angabe" zu machen. Bei der Beantragung konnte man sich jedoch nicht einmal darauf einigen, ob die Imbiss-Königin mit oder ohne Darm serviert gehört.

Fazit: Petra Bodens Buch ist das Standardwerk zur Berliner Currywurst - und wird es wohl noch lange bleiben. Umso ärgerlicher ist wieder einmal das schlechte Lektorat des vom Versicherer "Ergo" unterstützten Buchs. So findet man Fehler wie "Riemers Hofgarten", "Oderbergerstraße", "Hühnerhogo" oder "Marklstraße" [viermal sic!], die in einem solchen Berlin-Buch nichts zu suchen haben.

Hans Strömsdörfer

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