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Die Charité
Deutschland besitzt nicht viele Mythen, die das Dritte Reich gut überstanden haben. Industrie, Kultur-Institutionen und Wissenschaftler versanken mehr oder weniger tief im braunen Morast. Die berühmte Berliner Charité ist da keine Ausnahme. Doch für das Spree-Krankenhaus sind die 12 Jahre nationalsozialistischer Herrschaft nicht mehr als eine Fußnote in seiner 300-jährigen Geschichte. Eine nahende Pestepidemie, zahlreiche Kriege, 40 Jahre DDR und nicht zuletzt heftige Umstrukturierungskämpfe konnten dem Hospital nichts anhaben. Die Geschichte der Charité - mittlerweile eine Legende.
Umso erstaunlicher ist es, dass der Buchmarkt dem Thema vergleichsweise wenig Beachtung schenkt. Gerhard Jaeckel war einer der Wenigen, die bereits 1963 das mythische Potential der Charité entdeckte. In einer Art Historienroman erzählte er anekdotenhaft ihre Geschichte nach - stilistisch bescheiden, voller künstlerischer Freiheiten, jedoch spannend wie ein Krimi. Erst zum 300. Geburtstag des Krankenhauses ist nun im Siedler-Verlag ein neues Sachbuch erschienen, das die Geschichte der großen Charité gekonnt nacherzählt.
Dabei zeichnet Autor Ernst Peter Fischer, wie bereits Jaeckel, Psychogramme der großen Charité-Ärzte, die die Geschichte des Hauses stellenweise etwas stark in den Hintergrund drängen. Aber Kochs Tuberkulose-Entdeckung und sein anschließendes spektakuläres Scheitern mit dem Heilmittel "Tuberkulin" lassen sich nun einmal besser erzählen als die Probleme der Krankenhausverwaltung. An interessanten Mediziner-Persönlichkeiten mangelte es in den 300 Jahren in der Tat nicht: Der große Chirurg Sauerbruch soll sich von dem ebenso großen Psychiater Karl Bonhoeffer derart bedroht gefühlt haben, dass er den Hinterausgang benutzte, sobald Bonhoeffer ein Gebäude betrat. Den begnadeten Chirurgen August Bier ereilte das Schicksal seiner eigenen Prominenz: Der berühmte Industrielle Hugo Stinnes wählte ebenso wie der Reichspräsident Friedrich Ebert den Operationsraum Biers. Nachdem die hoffnungslosen Patienten in seiner Obhut gestorben waren, nutzten Biers Konkurrenten diesen Umstand, den aufrechten Sozialdemokraten in den Tod zu treiben.
Anders als Jaeckels Buch, das nach der Wiedervereinigung durch ein kurzes DDR-Kapitel ergänzt wurde, widmet Fischer fast die Hälfte seines Werkes der Zeit nach 1945. Angesichts der immensen Probleme der Charité scheint es heute in der Tat wie ein Wunder, dass sie überlebt hat: Während in anderen Ländern der technische Fortschritt die Medizin revolutionierte, musste man in Ost-Berlin um jedes Elektronenmikroskop kämpfen und die Grenzen der Parteiführung zähneknirschend akzeptieren. Die unmittelbar neben dem Krankenhaus verlaufende Berliner Mauer und der damit verbundene Verlust hervorragender Ärzte und Pflegekräfte erschwerte die Situation erneut.
Fazit: Die Charité wurde als Pesthaus gebaut, doch diese erreichte Berlin nie. Zeitweise war sie das medizinische Zentrum der Welt, danach versündigten sich viele ihrer Ärzte an ihren jüdischen Kollegen, später an ihren Patienten. Nach einem 40-jährigen Dornröschenschlaf muss das Krankenhaus heute wieder mühsam Klinken putzen gehen, um an die Erfolge von damals anzuknüpfen. Wenn dies kein Mythos ist - was dann?
Hans Strömsdörfer





