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Irre! Wir behandeln die Falschen
In einer frühen Simpsons-Folge fragt Homer den Leiter einer offenen Psychiatrie: "Wie halten Sie denn hier die Verrückten und Normalen auseinander?" Der Leiter drückt ihm daraufhin einen "Verrückt"-Stempel auf die Hand: "Ganz einfach - wer diesen Stempel auf der Hand hat, ist verrückt!" Homer: "Kann er dann kostenlos wieder zurückkommen?"
Dr. med. Dipl. theol. Manfred Lutz würde sich über diese Szene sicher freuen. Denn sein neues Buch "Irre! - Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen" ist ebenso respektlos und unterhaltsam geschrieben wie ein Simpsons-Fan es gerne hätte. Der Psychiater, Psychotherapeut und Theologe (!) folgt damit einem Trend der Medizin, sich in klaren Worten und oft mit Augenzwinkern an die Öffentlichkeit zu wenden. Ob Grönemyer oder von Hirschhausen (der das Vorwort zu Lutz' Buch beisteuerte) - medizinische Laien-Literatur liegt im Trend. Ob sie einen Bewusstseinswandel in der Patienten-Arzt-Beziehung herbeiführen wird, sei dahingestellt. Spaß macht "Irre!" aus dem Gütersloher Verlagshaus aber auf jeden Fall.
Dass die Vorsilbe "Psycho-" nicht grundsätzlich mit einem bärtigen Wiener zu tun hat, erfährt der Leser auf unter 200 Seiten. Was Lutz auf dieser geringen Papiermenge unterbringt, ist jedoch erstaunlich: Systematisch (nicht umsonst ist er Systemiker!) führt er in die Methoden der Psychotherapie ein, erklärt Segen und Fluch heutiger Psychopharmaka und vermittelt in anschaulichen Beispielen, dass "verrückt" nicht einfach "verrückt" ist. So sind Dieter Bohlen, Hitler und Paris Hilton zwar ungewöhnliche Menschen, aber keineswegs behandlungsbedürftig. Weder weisen sie die klassischen Symptome eines Schizophrenen auf, noch kann man ihnen Depressionen diagnostizieren. Lutz beschreibt, wie unglaublich komisch Maniker sein können, wie schnell man mit drei Fragen einen Alkoholiker überführen kann oder wie wenig Elektroschocks in der Praxis mit den Horrobildern Hollywoods zu tun haben.
Lutz, der sein Werk nach eigenen Angaben sowohl von Experten als auch von seinem Metzger checken ließ, wird von seinen Kollegen nicht unbedingt nur Gutes hören. Doch das muss den Laien nicht stören. Mit "Irre!" erhält er Einsicht in eine Welt, die er nicht kennt. Lutz nimmt ihm die Furcht und fordert Verständnis statt Verachtung für die Betroffenen. Mit seiner rheinischen Art ist Lutz prädestiniert, die dünne Linie zwischen "normal" und "verrückt" zu erklären. Dies gelingt ihm mit einer angenehmen Selbstironie - und ganz ohne Stempel, Homer!
Hans Strömsdörfer





