Menü

Kategorie: Buch

Von wegen Heilige Nacht!

 

"Auf Lieder wie 'Tochter Zion, freue dich', 'Zu Bethlehem geboren' usw. können wir getrost verzichten, ohne etwas zu entbehren. (...) Allgemein bekannt und verwendbar sind heute zur Weihnachtszeit die Kinder- und Volkslieder 'Morgen kommt der Weihnachtsmann', 'Morgen Kinder wird's was geben', 'Kling, Glöckchen, kling', 'O Tannenbaum' und andere. (...)" Dieses Zitat aus Wilhelm Beilsteins Buch "Lichtfeier" von 1942 zeigt sehr deutlich, wie der atheistische Nationalsozialismus durch Umdichtung und Weglassen versuchte, das deutsche Weihnachtsfest umzudeuten. Die Veränderung traditioneller Lieder, Christbaumkugeln mit Hakenkreuz-Motiven und "Richtlinien zur Durchführung einer Sonnwendfeier" zeigen aber auch deutlich, dass selbst im 1000-jährigen Reich der Kraft des Weihnachtsfestes nicht beizukommen war.

Ein sehr gelungenes Buch von Judith und Rita Breuer demonstriert in zahlreichen Quellen und Bildern, wie wenig Kriege, Nazis oder DDR den Deutschen ihr Weihnachtsfest vergällen konnte. "Von wegen Heilige Nacht! - Das Weihnachtsfest in der politischen Propaganda" ist im Verlag an der Ruhr erschienen und basiert primär auf der umfangreichen Breuerschen Sammlung, die bereits in vielen Ausstellungen präsentiert worden ist. Es sind interessante Details abseits der klassischen Geschichtsschreibung, die dieses Buch besonders interessant machen. Aus dem Parforce-Ritt durch über 50 Jahre deutsche Weihnachtsgeschichte hätte man ohne Mühe auch drei Bücher zusammstellen können.

So erfährt der Leser, dass die Verbreitung des Weihnachtsbaums in Deutschland maßgeblich der Propaganda-Maschine des Ersten Weltkriegs geschuldet ist. Als "nationales" Symbol, das die Heimat mit der Front verband, war der schwarz-weiß-rot geschmückte Baum ein hervorragendes Vehikel, um die Moral der Truppe zu steigern. Um die christliche Symbolik zu verhindern, versuchten die Nazi-Propagandisten später, die "Wintersonnenwende" zu etablieren und die Geschichte Christi zum allgemeineren Mutter-Kind-Mythos umzudichten. Das Winterhilfswerk schließlich nutzte die traditionelle adventliche Spendenbereitschaft zu Gunsten der völkischen Propaganda aus.

Die Loslösung des Weihnachtsfestes vom christlichen Ursprung wurde auch in der DDR aktiv betrieben. In dem deutlich schlanken Kapitel über das sozialistische Deutschland darf natürlich die "Geflügelte Jahresendfigur" nicht fehlen, die vom stark exportierenden Seiffener VEB "Spiel- und Kulturwaren" geprägt wurde, um den Begriff "Engel" in den Exportbüchern zu verhindern.

Hans Strömsdörfer

Bei amazon.de bestellen