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Heinrich Zille: Werke und Schriften
Auf dem Lande braucht es nicht viel, um ein "Original" zu sein. Wer zweimal hintereinander einen auffälligen Hut trägt, ist bereits ein bisschen "verrückt" und wird schnell zum Allgemeingut: "Uns Anton, dat is einer!" Eine Stadt wie Berlin ist reich an Originalen, Verrückten, Urgesteinen. Jeder Taxifahrer hat seine eigene Philosophie, und einen Spleen entwickelt man in der Metropolen-Umgebung nur allzu schnell. Doch über all diesen Gestalten thront der Gottvater aller Berliner "Originale", der Inbegriff des "Einen von uns": Heinrich Zille!
Zur 150. Wiederkehr seines Geburtstags gibt es in Berlin mehrere Zille-Ausstellungen, das Fernsehen zeigt Filme über "Vater Zille" - und eine Gesamtausgabe seiner Zeichnungen ist bei Zeno.org (ehemals "Digitale Bibliothek") auf DVD-ROM erschienen. "Heinrich Zille: Werke und Schriften" ist aus heutiger Sicht keine Sammlung von Witzzeichnungen. Die Pointen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erschließen sich dem Mario-Barth-geschädigten Bundesbürger nicht mehr direkt. Was die Karikaturen jedoch auch heute noch auszeichnet, ist die detaillierte, teilweise unglaublich zynische Beschreibung der Berliner Arbeiterklasse. Denn während sich Deutschland noch zwischen Demokratie und Diktatur entscheiden musste, brodelte in den Hinterhöfen des Molochs die Armut, aber ebenso das (ganz) kleine Glück.
In seinen Zeichnungen sehen wir den kleinen Steppke, wie er die Mutter auffordert: "Mutta, jib doch die zwee Blum'töppe raus, Lieschen sitzt so jerne ins Jrüne!" Lieschen indessen sitzt schwindsüchtig im grauen Hinterhof und stirbt vor sich hin. Wir sehen die fettesten Männer und Frauen der deutschen Kunstgeschichte. Wir sehen degenerierte Kinder, verruchte Spelunken, Huren, Elend. Und wir kennen diese Leute. Heute sitzen sie nicht mehr im Hof, sondern vor RTL 2 und SAT.1.
Die DVD-ROM versammelt sämtliche 16 Karikaturausgaben sowie spezielle Ausgaben wie die "Hurengespräche" oder die "Landpartie". Außerdem sind 90 von Zille angefertigte Fotografien enthalten. Die Biografie "Zille's Vermächtnis" (sic!) bietet einen guten Überblick über das Leben des Zeichners, der selbst einiges Elend erleben musste und den der Rummel um seine Person zum Ende seines Lebens in die oberen Schichten Berlins katapultierte. Doch für den Mythos sind Details seines Lebens eigentlich nebensächlich. Denn die Figur des "Vater Zille" hat sich bereits vollkommen von der realen Person gelöst. Vielleicht sollte sich wieder einmal jemand in den Berliner Wrangelkiez setzen und einfach anfangen zu zeichnen.
Hans Strömsdörfer










