Victor Klemperer - Die Tagebücher 1933-1945

"Ich schreibe hier nicht Zeitgeschichte. Aber meine Erbitterung, stärker als ich mir zugetraut hätte sie noch empfinden zu können, will ich doch vermerken." (21. Februar 1933)
Die Tagebücher des Dresdners Victor Klemperer sind neben den Aufzeichnungen Anne Franks die wohl wichtigste Zeitzeugen-Quelle des Dritten Reiches. In seinen Einträgen berichtet der jüdische Professor über Alltägliches, wie seine Sehnsucht nach Süßigkeiten oder Fahrten ins Blaue, aber ebenso über die Veränderungen seiner Umwelt. Er schreibt über seine allmähliche Verbannung aus dem Lehrbetrieb ebenso wie über die Merkmale der nationalsozialistischen Sprache: "Der Superlativismus, der ein besonderes Kennzeichen der Sprache des dritten Reiches ausmacht, ist anders als der amerikanische. Die USA-Leute prahlen in einer kindlichen und frischen Weise, die N.s tun es
halb grössenwahnsinnig, halb in krampfhafter Autosuggestion." (18. Januar 1938)
Der historischen Forschung ermöglicht der Verlag Directmedia nun ganz neue Perspektiven der Klemperer-Forschung. "Victor Klemperer. Die Tagebücher (1933-1945)", eine CD-ROM aus der Reihe "Digitale Bibliothek", versammelt nicht nur den Volltext zum Recherchieren, sondern darüber hinaus auch das vollständige Faksimile der Original-Tagebücher. Inwieweit letztere einen echten Nutzen haben, sei dahingestellt. Auf jeden Fall aber verleihen sie dem Produkt eine gewisse "Vollständigkeit". Die kommentierte Gesamtausgabe beinhaltet etliche Querverweise auf Personen und Werke. Ebenso erklärt sie die zahlreichen französischen, jiddischen, englischen Redewendungen, die dem Leser von heute nicht mehr geläufig sein können. Eine kurze Chronik der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Dresden rundet die CD-ROM ab.
Fazit: Das Leben eines Historikers besteht meist aus der Deutung dröger Protokolle, Befehle und Bekanntmachungen. Das Werk Victor Klemperers überzeugt nicht nur durch seinen Umfang, sondern ebenso durch seine Lesbarkeit. Hier wird das Schicksal eines Überlebenden sichtbar, exemplarisch berichtet Klemperer der Nachwelt, wie es war.
Hans Strömsdörfer
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