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Kategorie: CD

Mit Verlaub, Herr Präsident ...

 

2009 gibt Anlass zum Feiern. Nicht nur jährt sich der Mauerfall zum 20. Mal - auch die Bundesrepublik wird 60 Jahre alt. Die Flut an Sondersendungen, Büchern und Festveranstaltungen ist kaum mehr zu überblicken. Während die Sender sich bemühen, die Kanzler und Präsidenten der letzten sechs Jahrzehnte mit Ehren zu überhäufen, wirft eine kleine Doppel-CD nun ein realistisches Licht auf die Politprominenz.

"Mit Verlaub, Herr Präsident ..." ist im Antje Kunstmann Verlag erschienen und kann mit dem Begriff "Hörbuch" nur unzureichend gewürdigt werden. Kein bekannter Schauspieler liest hier einen langweiligen Bestseller vor, den man auch selbst lesen könnte. Autor Jürgen Roth ist in die Archive gestiegen und hat ein Hörspiel montiert, das wieder Lust auf das gesprochene Wort macht. Einen Streifzug durch 60 Jahre Bundestag-Rhetorik legt Roth dem Zuhörer zu Füßen, eine liebevolle Analyse sprachlicher Kniffe, grober Charaktere und genialer Wortverdreher.

Sprecher Gert Heidenreich stellt Adenauers Warnungen vor "Soffjet-Russland", Wehners Schimpftiraden oder Fischers heiseres Gemecker in einen größeren rhetorischen Zusammenhang. Die Redekunst à la Platon, Aristoteles oder Max Weber beherrscht die politische Kaste perfekt. Selbst der Wehnersche "Düffeldoffel", auf den ersten Blick nur eine alberen Beschimpfung, lässt Raum für vielerlei Interpretation. Überhaupt ist Wehner ein Glücksfall für den begeisterten Malediktologen, den Schimpfwortforscher. Mit waghalsigen Wortkonstrukten und 80 dokumentierten Ordnungsrufen gehört der überzeugte Kommunist zu den unterhaltsamsten Abgeordneten des Deutschen Bundestags.

Doch Roth präsentiert in seinem Hörspiel nicht nur Unterhaltung. Adenauers "Abgrund von Landesverrat" nach der Spiegel-Affäre, Strauß verbale Entgleisungen, Barschels "Ehrenwort" oder Kohls Verharmlosung der Flick-Affäre schnüren dem Zuhörer den Hals zu. Nur die gelungenen Variationen auf das Deutschlandlied von Timmi Timmermann & Evergreen Juniors vermögen ihn zwischen den Kapiteln wieder aufzulockern.

Fazit: Politiker sind Darsteller. Jürgen Roths CD will uns im Taumel des Jubiläumsjahres 2009 daran erinnern. Vielen Dank dafür.

Hans Strömsdörfer

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