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Kategorie: CD

Wolf Biermann zu Gast beim NDR

 

Wir Menschen lieben eine Welt, die man leicht erklären kann. Dies zeigt sich heute noch bei der Suche nach Gründen für den Untergang der DDR. Obwohl es mit Sicherheit tausende Gründe gab, die 1989 das fulminante Finale einleiteten, wird oft und gerne die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 als "Anfang vom Ende" der DDR gesehen. Biermann selbst hält davon nichts. "Dass einer eingesperrt oder ausgesperrt wird, das passiert immer mal wieder. ... Da weinen dann vielleicht tausend Leute oder die Mutter alleine", sagt er. Es sei nicht so sehr um die Person Biermann gegangen, sondern darum, dass die anderen Schriftsteller Angst bekamen, ihnen könnte das Gleiche passieren.
Biermann sitzt immer zwischen den Stühlen. "Den einen ist er zu links, den anderen nicht links genug und für die dritten nicht auf die allein selig machende Art und Weise links", wie NDR-Moderator Armin Halstenberg einst kommentierte. Für eine außergewöhnliche Doppel-CD über Wolf Biermann hat sich der NDR nun vom Hoffmann & Campe Verlag ins Archiv gucken lassen. Für "Wolf Biermann zu Gast beim NDR" wurden aus insgesamt 13 NDR-Sendungen zwischen 1976 und 2006 drei besondere ausgewählt. Die Auswahl ist sehr gelungen, zeigt sie doch drei verschiedene Biermanns: beim Live-Konzert im Funkhaus Hannover 1982, in einer Schallplatten-Sendung 1984 und im Interview 2006.
Besonders bemerkenswert ist dabei die Sendung von 1984 - "Meine Schallplatten". Anhand von zehn verschiedenen Liedern rekonstruiert Biermann sein eigenes Leben und lässt den Zuhörer (wie immer) tief in seine Seele blicken. So erzählt er die Geschichte seines Vaters, der als politischer Gefangener im Lager Auschwitz umkam. Nur ein einziges Mal gelang es Mutter Biermann, den kleinen Wolf zu dem jährlichen Besuchstermin mitzunehmen. Auf dem Schoß des Vaters sitzend sang der Junge dann ausgerechnet "Bomben auf Engelland". "Wenn ich heut dran denke, kann ich verrückt werden", gesteht Biermann 1984 und spielt den Nazi-Schlager im NDR.
"Wolf Biermann zu Gast beim NDR" zeichnet das Portrait eines Grüblers, eines Geplagten, eines Unbequemen. Wie Tucholsky und Heine ist Biermann einer, den man erst retrospektiv lieben wird - das wird deutlich. Mit der liebevoll zusammengestellten CD kann man dafür aber schon einmal üben.

Hans Strömsdörfer

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