Chronik der Wende
Man stelle sich vor: Die Revolutionsjahr 1848/49 in Bild und Ton. Tag für Tag. Jede Entscheidung, jede wichtige Entwicklung, jeder Kommentar der Mächtigen. Zusammenhänge werden deutlich, Vorgänge nachvollziehbar. Weniger Deutung, Interpretation - mehr Fakten, mehr erlebte Geschichte. Zu schön um wahr zu sein.
Geschichte erlebten auch der Verleger Christoph Links und der Publizist Hannes Bahrmann im Revolutionswinter 1989/90. Um späteren Generationen jeden Tag dieser spannenden Zeit "aufzubewahren", verfassten sie das Buch "Chronik der Wende", in dem tatsächlich jeder Tag der friedlichen Revolution dokumentiert wurde. Der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) erkennt die Pflicht der Stunde und produziert 1994 eine gleichnamige Fernseh-Dokumentation, die 1999 fortgesetzt wird.
Das Mammutwerk gibt es nun für kleine Kasse bei der Bundeszentrale für Politische Bildung als DVD-Box. Ein Pilotfilm und 163 Kurzdokumentationen zu jedem Tag zwischen dem 7. Oktober 1989 und 18. März 1990 bringen es auf über 40 Stunden Laufzeit. Ein einmaliges Filmprojekt, das eindrucksvoll demonstriert, wie lückenlos das Massenmedium Fernsehen unser Leben verfolgt. Der Historiker hält sich bei der "Chronik der Wende" dezent im Hintergrund. Das Wort haben die Fernsehkamera und der Zeitzeuge. In unzähligen Interviews erinnern sich die Akteure von damals an die Unsicherheit der unglaublichen Tage.
"Chronik der Wende" wird bestimmt öfter gekauft als gesehen werden. Doch dies ist nicht weiter tragisch, handelt es sich doch weniger um eine Unterhaltungs-Dokumentation - als vielmehr um ein Archiv. Manchmal trocken - aber nie belanglos. Einziger Wermutstropfen sind die schlicht unerträglichen Soundeffekte, die dem Zuschauer nach mehreren Folgen die fassungslose Frage nach dem "Warum?" aufzwingen.
Hans Strömsdörfer
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